Ein Hundeleben


Nachdenkliches von Ute Lehmann


"Mein Name ist Shilo, ich bin ein 15 Monate alter Hütehund. Mein Urgroßvater hat noch
jeden Tag einige Stunden an der Schafherde gearbeitet. Das weiß ich aber nur aus Erzählungen
meiner Mutter. Ich lebe in einem kleinen Reihenhaus. Mein Frauchen macht jeden morgen mit mir
einen kleinen Spaziergang durch die Wohnsiedlung, dann fährt sie zur Arbeit und ich bin bis 14.00 Uhr
allein im Haus.

Mir ist dann immer schrecklich langweilig. Manchmal blicke ich stundenlang aus dem Fenster und stelle
mir vor, wie schön es wäre jetzt über Wiesen und Felder zu toben, eine Schafherde zu hüten oder
wenigstens mit anderen Hunden zu spielen. Wenn ich die Langeweile nicht mehr aushalten kann, beginne
ich schon mal die Türrahmen anzuknabbern oder die Bücher aus dem Wandregal zu holen. Die lassen sich
prima zerfetzen und helfen ein wenig dabei, die Zeit totzuschlagen. Mein Frauchen schimpft dann ganz
fürchterlich wenn sie nach Hause kommt, das kann ich gar nicht verstehen.

Wenn Frauchen wieder zu Hause ist, machen wir einen Spaziergang und ich muss immer brav an der Leine
gehen, sonst ist es zu gefährlich an der Straße - sagt mein Frauchen. Ich lege mich aber oft richtig
in die Leine und werde immer schneller um auf meine geliebte Wiese zu kommen.

Endlich frei! Hier darf ich rennen und spielen und oft sind auch andere Hunde da, mit denen ich herumtollen
kann. Hier gibt es kein Halten mehr, Frauchens Rufe und Kommandos überhöre ich einfach, ich will nur noch
laufen, toben spielen. Wenn ich gerade so richtig in Fahrt gekommen bin will Frauchen aber meist wieder nach Hause. Ich habe dazu überhaupt keine Lust und es dauert oft eine ganze Weile bis mich Frauchen zum Mitkommen
überreden kann.

Auf dem Rückweg bin ich dann oft frustriert und ziehe immer wieder in Richtung Wiese zurück, das regt Frauchen
immer furchtbar auf. Nach einer dreiviertel Stunde bin ich dann wieder zu Hause und denke sehnsuchtsvoll
an meine Wiese.

Auf unserem Abendspaziergang kann ich mich dann endlich auch einmal nützlich machen. Ich zeige Frauchen,
dass ich eben doch ein ein echter Hüte- und Schutzhund bin und verbelle lautstark entgegenkommende fremde
Menschen und Hunde. Frauchen ist immer sehr ängstlich, wenn sie abends mit mir spazierengeht und so kann ich
sie beschützen. Sie scheint sich sehr darüber zu freuen, denn je lauter ich belle, desto lauter wird auch
Frauchen und hilft mir dann, die Fremdlinge zu vertreiben.

Wenn das Wetter schön ist, darf ich manchmal mit dem Nachbarshund "Tommy" in unserem kleinen Garten spielen.
Tommy ist ein Retriever, eigentlich ein ganz netter Kerl aber furchtbar stürmisch und rüpelhaft. Er sagt, er würde
auch lieber, wie seine Vorfahren, den Menschen als Begleiter bei der Jagd zur Seite stehen oder wenigstens
sonst eine sinnvolle Arbeit übernehmen. So aber lässt er seine überschäumende Energie ganz gerne an mir aus.


Vor einigen Wochen hat sich mein Frauchen mit dem Frauchen von Tommy unterhalten. Sie sprachen von Kastration
und dass wir dann ruhiger werden würden. Wir wussten nicht was das ist und was das für uns bedeutet. Ein paar
Tage später ging es dann los. Unsere Frauchen fuhren mit uns zum Tierarzt, dort sind wir dann bald eingeschlafen.
Als wir wieder wach wurden, hatten wir starke Schmerzen, die aber nach ein paar Tagen vergingen. Wir fühlen uns
seitdem irgendwie anders und werden von den anderen Rüden auf der Hundewiese oft gemobbt. Ruhiger sind wir
aber nicht geworden und unser Spiel- und Arbeitsdrang ist ungebrochen.

Vielleicht, dachte ich, kommt ja eines Tages der Zeitpunkt, an dem mein Frauchen meine Talente entdeckt und mir
einen richtigen Job verschafft in dem ich gebraucht werde und mich wichtig fühle. Gestern war ich ganz aufgeregt
und dachte, der Tag ist nun gekommen. Mein Frauchen hat viel telefoniert und dann meine ganzen Sachen
zusammengepackt und ist mit mir zum Auto gegangen. Endlich Urlaub habe ich gedacht, Abenteuer, Wiesen, Wälder
und jede Menge Spaß würden mich erwarten.

Nach einer halben Stunde Autofahrt waren wir schon angekommen. Urlaub hatte ich mir irgendwie anders
vorgestellt. Es war ein großes weißes Haus mit vielen, vielen Hunden, die alle in kleinen Zwingern saßen
und fürchterlich bellten als wir hereinkamen. Eine nette Frau nahm mich mit und brachte mich auch in
einen der Zwinger. Die Tür schloss sich hinter mir und Frauchen ging weg. Nun warte ich hier, denn ich
bin sicher, dass mich Frauchen bald wieder abholen wird um dann endlich mit mir ein neues abenteuerliches
Leben zu beginnen."